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Dependent reopen in summer/fall 2009

I have decided to reopen Dependent and start again. This will include the release of some physical CD’s, starting in late summer 2009.  I am well aware that...

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Das Ende einer Ära

In diesem Text, der zuerst im Dependence 2 CD-Booklet erschien, erklärt Stefan Herwig die Gründe dafür, warum Dependent das Betrieb einstellt

Im Sommer 2007 wird Dependent seine Pforten schließen. Wir werden noch die aktuell geplanten Alben von Bands wie mind.in.a.box, Rotersand, Autoaggression, Suicide Commando, Pride and Fall, und Fractured veröffentlichen, noch einen Septic zusammenstellen und dann den Betrieb als aktives Label einstellen. Um erst einmal dem sich zwangsläufig verbreitenden Gerücht zu widersprechen: Wir sind keineswegs pleite, aber nach einer langen Zeit der Frustration haben wir uns trotzdem zu diesem Schritt entschlossen.

Warum genau erfahrt ihr auf den folgenden Seiten.

Zuerst mal wendet sich der Text eigentlich weniger an die Leute, die diesen im Dependence Booket lesen, denn sie gehören scheinbar noch zur aussterbenden Gattung derer, die für Musik bewusst Geld ausgeben.

Es geht nicht um Geld, das ging es nie. Es ging immer darum, Musik zu veröffentlichen, von der wir meinten dass man sie fördern sollte. Aber wer ein professionelles Label führen will, ohne sich nach ein paar Monaten total verschuldet auf dem Arbeitsamt wieder zu finden, der muss sich gezwungenermaßen mit einigen finanziellen Abläufen auseinander setzen, genau planen wie viel Geld und wie viel Werbung man in eine Produktion stecken kann und hier und da auch mal auf die Bremse treten. (Es gibt einige Schlaumeier die meinen, dass finanzielle Kalkulationen und der Idealismus eines Independentlabels per se nicht zusammenpassen. Dazu nur soviel: Diese Leute haben noch nie ein Schallplattenlabel geführt.)

Ich glaube das haben wir in den vergangenen sieben Jahren ganz gut hinbekommen, nicht unsinnig Geld verschleudert und Veröffentlichungen unterstützt, die es einfach verdient hatten. Trotzdem war das Geld knapp, und es wird in der Zukunft immer knapper werden, denn auch wenn wir unsere CDs so gut bewerben und produzieren, wie wir es können, werden sie immer seltener legal gekauft. Jede CD Veröffentlichung wird damit zum finanziellen Risiko.

Ein gutes Beispiel dafür ist die russische Piratenseite Mp3xx.ru. Dort kann man nicht nur alles runterladen was im Bereich Elektro Rang und Namen hat, dort kann man auch sehen wie oft einzelne Veröffentlichungen von anderen Labeln heruntergeladen wurden. Während wir in den ersten zwei, drei Wochen von einer Veröffentlichung wie Seabounds "Double-Crosser" weltweit knapp 2500 CDs verkauften, war das Album dort nach 7 Tagen bereits bei über 5000 Downloads. Und das ist nur eine Seite unter vielen Piratenseiten wie Kazaa, BitTorrent, Morpheus, Shareazade, etc.. Insgesamt schätzen wir, dass auf jede verkaufte CD von Dependent mittlerweile 3 bis 5 illegale Downloads kommen.

Es wird im Internet immer behauptet, dass diese P2P Kultur die Majors schwächt und die Independent-Label stützt, aber das ist mit Verlaub gesagt totaler Bullshit. Auch wenn es einzelne Leute gibt, die sich Sachen auf P2P Seiten erst saugen um sie später wirklich zu kaufen scheint das bei der Mehrzahl der Leute nicht der Fall zu sein. Und auch wenn es mittlerweile legale Alternativen wie ITunes, Musicload oder Grenzwellen zuhauf gibt interessieren sich die meisten Leute kaum dafür. Viele Leute behaupten, Musik im Internet sei frei, weil sie frei verfügbar ist, und für jeden zugänglich. Dazu muss man sagen, dass Freiheit nicht ist, wenn alle Leute mit Dir machen, was sie wollen, sondern wenn du selbst machen kannst was du willst, du aber für dein Verhalten auch selbst die Konsequenzen trägst, und dich den Konsequenzen deines Tuns stellst. Wenn alle Leute aber machen was sie wollen, ohne Regeln und Konsequenzen dafür ist das nicht Freiheit, es ist Anarchie.

Es ist uns eigentlich egal, ob wir unsere Veröffentlichungen auf CD oder als Download verkaufen, aber alleine die vernünftige Produktion und Bewerbung von Musik kostet eine Menge Geld, selbst wenn man keine CDs presst. Wir bemustern DJs und Presse, helfen unseren Musikern ihre CDs vernünftig aufzunehmen und zu gestalten, bezahlen Toursupports, oder verknüpfen Bands mit Veranstaltern und Agenturen und bewerben deren Liveshows.

Das alles kostet Geld, aber es ist nicht einmal unsere primäre Aufgabe. Unsere primäre Aufgabe ist es aus einem riesigen Wust von oftmals grottenschlechter Musik für euch die Perlen herauszupicken, von denen wir glauben, dass sie wirklich deutlich besser sind als andere, und die ein größeres Publikum verdient haben. Wir arbeiten schon Monate - teilweise auch schon mal bis zu einem Jahr - vor einer Veröffentlichung mit den Musikern zusammen und geben oftmals Tipps zur Verbesserung ihrer Musik, und an welchen Schwachstellen sie noch arbeiten sollten. Oftmals macht dieses "Coaching" ein gutes Demo zu einem sehr guten Debut, und die Platten sind oft spannender, abwechslungsreicher und professioneller als die ursprünglichen Demos die uns erreicht haben.

Im Endeffekt profitiert Ihr von dieser Feinarbeit, indem Ihr bessere Musik bekommt. Wenn euch also jemand erzählen will, dass Labels im Zeitalter des Internets überflüssig geworden sind, so glaubt denen nicht, denn sie haben meistens nicht einmal eine Ahnung davon, was ein Schallplattenlabel eigentlich ausmacht. Wer sich vom Gegenteil überzeugen will, kann gerne mal ein paar Stunden auf Myspace.com nach guten Demos suchen, um sich zu vergewissern wie viel langweiliges Zeug es dort draußen gibt, und dass das Finden und Bewerben von guter Musik eigentlich die Hauptaufgabe eines Labels ist nicht das Pressen von CDs, was nicht einmal 5% unseres Arbeitsaufwandes ausmacht. Die Hauptarbeit ist es, unsere Musik so gut wie möglich zu machen und sie aus der Masse herausstechen zu lassen.

In letzter Konsequenz handelt eine Plattenfirma aber nicht wirklich mit CDs, sondern mit Rechten an den Aufnahmen ihrer Künstler. Ob diese in Form von CDs, Vinyl, Mini Discs, Mp3-Dateien oder Schelack-Platen verkauft werden ist erst einmal unerheblich. Wichtig ist eher, dass der Handel mit diesen Rechten natürlich ganz stark unter Druck gerät, wenn diese Rechte gleichzeitig kostenlos im Internet verfügbar sind, oder ein paar Millionen Deppen glauben, sie wären es. Wir sind nicht das einzige Label, das derzeit darunter leidet.

Eigentlich ist es Aufgabe der Bundesregierung dafür zu sorgen, dass Musiker und Plattenlabel eine Plattform finden, auf der sie arbeiten können. Diese Plattform nennt sich Urheberrecht. Sie besagt, dass die Inhaber der Rechte, also die Musiker die ein Musikstück schreiben und aufnehmen und die Plattenfirmen denen sie diese Aufnahmen dann anvertrauen entscheiden können, was sie damit machen. Ob sie das Stück umsonst im Internet bereitstellen, auf CD pressen oder für alle Ewigkeit im Demokeller versauern lassen, ist allein ihre Entscheidung.

Das Urheberrecht ist spätestens seit Aufkommen des CD-Brenners und der P2P Tauschbörsen und Seiten wie Mp3xx.ru faktisch außer Kraft gesetzt worden, und bräuchte eigentlich eine radikale Überarbeitung, Mp3xx.ru existiert schon seit über zwei Jahren, und kann von Deutschland aus nicht gestoppt werden. Die Russen interessiert es herzlich wenig, ob in Deutschland irgendwelche Indie Labels die Segel streichen. Denn diese Seiten finanzieren sich durch Werbung, und davon können sie verdammt gut leben, auch wenn ihr Brennstoff, durch den sie Kunden auf ihre Seite ziehen, natürlich geklaut ist.

Aber die Bundesregierung hat es in mehreren Anläufen nicht geschafft, das über 30 Jahre in dieser Form existierende Urheberrecht so zu modifizieren, dass es auch heute den mit der Musik handelnden Personen eine Grundlage bietet, davon zu leben. Gäbe es ein Urheberrecht, das darauf hoffen ließe, dass sich die Situation für Label und Musiker wie uns verbessert, dann würden wir weiterkämpfen. Aber ich sehe da für die nächsten paar Jahre keine große Hoffnung.

In letzter Konsequenz jedoch machen wir nicht aufgrund der Existenz von Piratenseiten zu, sondern weil sie von zu Vielen benutzt werden, die unsere Bands und Songs zwar schätzen, dafür aber nichts bezahlen wollen. Auch wenn wir den Preis unserer CDs vor zwei Jahren deutlich gesenkt haben, so scheint das vielen Leuten immer noch zu teuer. Hierzu mal ein vergleichendes Beispiel: Wenn bei Konzerten 60% der Zuschauer mit illegal gedruckten Tickets in die Konzerthalle gekommen wären, würde der Veranstalter, die Band, die Agentur und die Konzerthalle nach wenigen Wochen pleite gehen. Wir leben jetzt schon Jahre damit, dass ein großer Teil unserer Musik nicht mehr gekauft sondern geklaut wird, aber wir haben ehrlich gesagt die Schnauze voll davon. Denn in letzter Konsequenz produziert man seine CDs dafür, dass gute Musik unter die Leute kommt. Für diese Arbeit will man entlohnt werden, wenn die Platte entsprechenden Anklang beim Publikum findet. Wenn man merkt, dass man aber von einem Großteil der Hörer verschaukelt wird, dann kann einem das schon das Jahr versauen.

Es fehlt uns nicht an guten Bands, oder am Spaß an Musik, sondern an Motivation in diesem Markt weiter CDs zu veröffentlichen und in deren Erfolg zu investieren. Wir wissen, dass es vielen unserer Musiker auch so geht, und das Sie auch nur staunend und kopfschüttelnd davor stehen, wenn sie sehen in welchem Masse die Alben und Songs, an denen sie monatelang gearbeitet haben, gerippt und kopiert werden. Auch viele Bands sind gerade dabei die Segel zu streichen, oder in der Versenkung zu verschwinden.

Vielleicht trägt unsere Verweigerung und auch dieser Text dazu bei, dass einige Leute im Nachhinein wirklich verstehen, dass das Internet, Myspace.com, BitTorrent oder Mp3xx.ru nicht wirklich Qualitätsarbeit der Label ersetzen kann. Denn geniale Bands wachsen genauso selten auf Bäumen wie man auf einem Flohmarkt plötzlich ein Kleid von Chanèl entdeckt, oder die Zeichnung eines wirklich begabten Künstlers.

Unser Dank und unsere Entschuldigung gehen an alle unsere Künstler, die größtenteils schon von dieser Entscheidung wissen, und natürlich an alle Leute die auch noch in den letzten Jahren ihr Geld noch für CDs unserer Bands ausgegeben haben, anstatt sie von irgendwelchen Seiten zu laden oder sich von irgendwelchen Freunden brennen zu lassen. Wir respektieren das umso mehr, als das wir wissen dass ihr genauso gut auch einen anderen, billigeren Weg hättet nehmen können. Wenn es euch tröstet: Ohne euch hätten wir wahrscheinlich viel früher dicht machen müssen, und es hat als Motivation geholfen, dass man positive Rückmeldungen zu vielen Dependent-Veröffentlichungen bekommen hat. Danke dafür! Wir hoffen dass ihr uns für die letzten paar Monate die Treue halten werdet. Meinungen, Feedbacks, Vorschläge, Diskussionen können jederzeit gerne im Forum von www.dependent.de abgelassen werden. Wir würden uns freuen, wenn ihr auf diesen Text hinweist, denn es gibt noch Label und Künstler da draußen die ihre Motivation noch nicht verloren haben, und genauso um ihr Überleben kämpfen.

Meine persönliche Entschuldigung geht an alle Leute, die zusammen mit mir an and für  Dependent gearbeitet haben insbesondere Heike, Ela und Lothar, Ned, Thorsten und natürlich Brigitta. Aber auch an unseren wirklich tollen Vertrieb Alive, unseren Labelmanager Jochen, deren Außendienst, sowie Luke und Alfred, Idealisten wie Claudia Schöne, Stefan Brunner, Ecki Stieg und alle, denen Musik ähnlich viel bedeutet wie uns. Keep looking.

Respect the Music. Stefan Herwig, Dezember 2006

 

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Die Wahrheit Über die Schallplattenbranche, Teil 1

Die Wahrheit Über die Schallplattenbranche, Teil 1
Von Stefan Herwig (Dependent)

Dependent-Büro: grosser pompöser Raum mit Chefschreibtisch aus Marmor, Stefan (Labelchef, Anfang Dreissig), sitzt auf fettem Büro-Chefsessel, trät einen karierten italienischen Desingeranzug, Füsse auf dem ansonsten leeren Schreibtisch. Ela kommt durch die Tür, Ende zwanzig Rasta-Locken, hat einen grossen roten Umschlag mit Aufdruck "Dringend" in der Hand.

Ela: "Stefan, das VNV Nation Master ist heute fünf Wochen vor dem vereinbarten Abgabetermin per Overnight gekommen, sollen wir das sofort zum Presswerk schicken?"

Stefan (stellt das Champagnerglas ab): "Nein, leg das Ding auf den Haufen "unbearbeitet", ich habe heute schon über eine halbe Stunde Fanmails in den Papierkorb verschoben, das ermüdet mich so. Je mehr die Zecken sich beschweren, desto später liefern wir ab. Werden schon sehen was die davon haben..."

Ela: (rollt die Augen): "Stimmt, das Cabrio hast du auch schon lange nicht mehr ausgefahren, also nimm dir doch für den Rest des Tages frei, ist schließlich schon halb Drei. Ausserdem haben wir alle schon seit über zwei Wochen keinen Urlaub mehr gehabt. Fans..." (schüttelt den Kopf, legt den Umschlag in eine grosse graue Kiste mit zahllosen anderen, geht ab...).

Telefon klingelt.

Stefan: (genervt) "Nicht schon wieder, das ist schon der zweite Anruf innerhalb weniger Stunden."(hebt Hörer ab)

"Wer stört? Ach Hallo, Vertriebsmensch! Was, alle unsere CDs ausverkauft? Nächster Vertriebsscheck ist nur eine halbe Million? Wie, wir können keine CDs verkaufen, wenn wir sie nie nachpressen? Na gut, sag den Läden sie bekommen ihre CDs, aber Sie sollen die auf keinen Fall unter 19,00 € verkaufen. Der Kunde soll bluten, so ein Firmen-Swimmingpool finanziert sich schließlich nicht von alleine. VNV Nation Master? Nein, ist noch nicht angekommen! Veröffentlichungstermin ist schon nächste Woche? Ist mir doch egal, die Leute reissen uns das Ding doch eh' aus der Hand. Ausserdem kann ich nicht hexen. Der neue Veröffentlichungstermin ist ...

(dreht sich mit dem Chefsessel zur Wand an dem ein riesiger Kalender hängt, mit vielen durchgestrichenen Notizen und roten Kreuzen, schließt die Augen und lässt eine Hand gegen den Uhrzeigersinn kreisen, tippt dann mit dem Zeigefinger auf eine beliebige Zahl)

... 13. Oktober!"

"Wie, das ist ein Sonntag?" (wiederholt den Vorgang)

"Na gut, dann 06. Juni. Klar sollen die Fans warten, Weihnachten ist auch nicht jede Woche! Ich mach' jetzt Schluss für heute, der Golfplatz wartet." (legt auf)

Ruft in das angrenzende Vorzimmer:

"Heike, ich fahr jetzt nach Hause, bitte such doch mal unter den unten wartenden Dependent-Groupies die zwei, drei mit den besten Möpsen aus und sage ihnen, der Chauffeur holt sie in wenigen Minuten ab. Sieh zu dass sie sich bis Montag nix vornehmen. Ich bin jetzt im Wochenende. Bin für Niemanden zu sprechen, für unsere Musiker schon mal gar nicht."

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So oder so ähnlich stellen sich die Meisten wohl den Alltag in der Schallplattenbranche vor. Die Wahrheit sieht aber derzeit etwas anders aus:

"Branche brechen 12,6 Prozent Umsatz weg"

"Musikgeschäft noch tiefer in der Krise ... für Juli und September rechnen die Plattenfirmen dem Vernehmen nach mit einem Umsatzrückgang in der Grössenordnung von über 20% im Vergleich zum Vorjahreszeitraum."

"Tonträgerfirmen sagen CD-Brennerei den Kampf an"

"Deutsche wollen für CD Downloads nicht zahlen ... Nur ein Viertel der Befragten würde eine Pro-Song-Gebühr akzeptieren."

Alles Zitate aus Artikeln des Branchenmagazines "Musikwoche" im Jahr 2001

Keine Frage, die gesamte deutsche Musikindustrie befindet sich in einer Krise, wohlgemerkt in der bisher grössten seit ihrer Existenz. Verursacht durch Raubkopien von Musik-CDs wie auch den Download von Mp3-Files über halblegale bis illegale File-Sharing-Dienste wie Napster, Audiogalaxy oder Gnutella sackten die Umsätze in den Keller. Diese Krise betrifft sämtliche Sparten und Bereiche des Musikmarktes, Dance, Hip-Hop, Mainstream, Alternative und natürlich den gesamten Independentbereich also auch Firmen wie Dependent, Bloodline oder Out Of Line.

Dieser Artikel soll sich mit den Folgen der Raubkopiererei, insbesondere im Independentmarkt, beschäftigen und auch den häufigsten Argumenten der Raubkopierer begegnen. Dabei erfahrt Ihr auch einige vertrauliche Interna über den Musikmarkt und vielleicht überdenken Einige mal ihre Haltung zu Schallplattenlabels:

1. "Schallplattenfirmen? Da geht es doch nur ums Geld!"

Ja und nein. Ich glaube, dass am Anfang einer jeden Gründung einer Schallplattenfirma ein gehöriger Idealismus und die Liebe zur Musik steht. Man hat selbst die Möglichkeit, Musikgruppen, die man persönlich für gut hält, zum Erfolg zu verhelfen, und sie einem riesigen Publikum vorzustellen. Und wenn man das gut macht, kann man auch gut davon leben. Hört sich doch toll an! Aber jeder, der in Deutschland eine Firma aufmacht, wird sich schnell mit Vokabeln auseinandersetzen müssen, die mit Musik nicht wirklich viel zu tun haben: "Gewerbeanmeldung", "Quartalsumsätze", "Retourenrückstellung" oder auch "Steuerberater" und "Umsatzsteuervoranmeldung". Auch wenn man es nicht wahrhaben möchte, der finanzielle Teil gehört nicht nur zum Alltag einer Plattenfirma, sondern auch zu dem einer jeden professionell arbeitenden Musikgruppe.

Keiner von uns kann von Backsteinen leben, und wer seine Firma betreibt, ohne auf das Einkommen zu achten, wird in kürzester Zeit weder seine Musikgruppen noch sich selbst bezahlen können und dann hat der Traum eines Schallplattenlabels recht schnell ein Ende - mit sehr unangenehmen Nachwirkungen in Form von Gerichtsvollziehern, Pfändungen und eidesstattlichen Versicherungen übrigens. Also, geht es nur ums Geld?

"Ja und Nein" ist die Antwort. Ich glaube, es macht den Unterschied, ob man bereit ist, für Geld die Natur der Musik, die man veröffentlicht, bewusst zu verändern und die Musiker zwingt, ihre Musik dementsprechend zu verändern. Das ist in der Tat bei vielen Schallplattenfirmen der Fall, denn dort werden die A&Rs ("Artist & Repertoire-Manager") und die Produktmanager nicht an der Qualität ihrer Veröffentlichungen gemessen, sondern nur an deren Verkaufszahlen. Gerade deswegen entscheiden sich immer mehr Käufer zum Kauf bei Independentlabels. Dort ist man eher bereit, auch ungewöhnliche und neuartige Musik zu veröffentlichen, obwohl auch dieses bei der derzeitigen Situation stark nachgelassen hat.

2. "CDs sind einfach zu teuer."

Hier habe ich eine persönliche und eine professionelle Meinung. Ja, jede CD, die derzeit mehr als 15 Euro, bzw. 30 DM kostet, ist meines Erachtens zu teuer. Viele Käufer wissen nur, dass eine CD in der Herstellung mittlerweile schon unter 50 Cent kosten kann, warum soll man dafür 17-18 Euro zahlen?

Vom professionellen Standpunkt aus kann aber auch gesagt werden, dass es für eine Schallplattenfirma sehr schwierig ist, den Preis einer CD zu verändern. Dafür muss man erst mal wissen, wie sich so eine CD in der Herstellung kalkuliert, denn die reinen Herstellungskosten sind natürlich nicht die einzigen Kosten. Begleiten wir also mal eine CD von der Herstellung bis zum Verkauf:

Für die "nackte" CD werden mittlerweile zwischen 35 und 50 Cents bezahlt, das ist übrigens fast unabhängig von der Spielzeit, Maxi-CDs kosten in der Herstelllung also fast genauso viel wie CD-Alben. Dazu kommt aber noch die Verpackung - die sogenannte "Jewelbox" - als Standard Verpackung kostet gerade mal ein paar Cent, aber das Booklet und die Einlegekarte auf der Rückseite können je nach Grösse schon mal bis zu 40 oder 50 Cent kosten. Spezialverpackungen wie das "Digipack" sind natürlich noch teurer, einigen wir uns also mal auf 50 Cents im Schnitt für ein durchschnittliches CD-Album, also 1 Euro für die fertige CD.

Auf jede legal hergestellte CD kommen aber noch Gebühren von der GEMA drauf, die später an die Urheber (also meistens die Musiker) ausgeschüttet werden, insgesamt im Schnitt ziemlich genau 1 Euro für eine normal verkaufte CD, macht schon mal 2 Euro insgesamt. Die Künstler werden in der Regel vom Verkauf jeder CD beteiligt, und zwar im Schnitt zwischen 1 und 2 Euro, bei Independentfirmen meist etwas mehr als bei den grossen Majorfirmen, die durch ihren riesigen Apparat aber auch viel höhere Kosten haben. Im Schnitt kann man durchaus von 1,75 Euro für eine etablierte Band sprechen, also sind wir schon bei Kosten von 3,75 Euro.

Dann muss die CD ja vom Presswerk in den Plattenladen kommen, wofür in der Regel eine Vertriebsfirma angeheuert wird. Zumindest ist das bei Independentfirmen meist so, die Majors besitzen ihre eigenen Vertriebe, oder genauer gesagt, sie sind die Vertriebe.... Unser Vertrieb ist die Firma SPV in Hannover. Dort arbeiten über 80 Leute daran, unsere CD-Veröffentlichungen mehr oder weniger flächendeckend in ganz Deutschland präsent zu haben und zu verschicken. Die VNV Nation "Futureperfect" zum Beispiel war am 28. Januar zeitgleich in 1200 Plattenläden in Deutschland vertreten. Dafür ist eine riesige und kostspielige Logistik erforderlich, die auch ihren Preis hat, und von der der Kunde den Vorteil hat, dass er neue CDs am gleichen Tag fast überall findet (das hängt natürlich auch von der Popularität der Band ab, die veröffentlicht wird).

Der Vertrieb verkauft die CDs für im Schnitt 10 Euro an den Plattenladen, und gibt davon ca. sieben Euro an das Label wieder weiter, also verdient der Vertrieb für Aussendung, Verkauf und Abrechnung ungefähr 3 Euro an einer CD. So ein Vertrieb kann sich übrigens nur finanzieren, indem er viele andere Label ausliefert, so wie eine Plattenfirma also mehrere Bands hat, hat ein Vertrieb mehrere Label, SPV ungefähr 25 zur Zeit.

Für im Schnitt 10 Euro landet jetzt also die CD beim Schallplattenhandel. Der verkauft so ein Ding im Endeffekt zwischen 15 und 17 Euro, aber da ist ja noch 16% Mehrwertsteuer drin, also verdient er netto um die 3 bis 5 Euro. Da sind dann aber auch Löhne, Ladenmiete und Nebenkosten mit drin, und gerade die sind in den letzten Jahren drastisch gestiegen.

Wer gut aufgepasst hat, kann also mittlerweile mitbekommen, dass das Schallplattenlabel an sich auch nur eine Spanne von 3,25 Euro hat, und da ist die ganze Bewerbung von so einer CD mit Anzeigen, kostenlosen Promo-Exemplaren, Büro & Löhnen mit drin. Wenn sich so eine CD nicht verkauft, verdienen alle wenig (Vertrieb, Handel und Künstler), nur das Label, welches die ganze Veröffentlichung finanziert, kann damit sogar noch Geld verlieren. Also trägt das Label als einziges Glied in dieser Kette sogar noch ein erhebliches Risiko.

Wer jetzt also kritisiert, dass CDs generell zu teuer sind, soll erst mal hier vorschlagen, wo denn die Plattenlabel hier überhaupt sparen sollen, aber immer daran denken, dass man die meisten vernünftig vertriebenen CDs innerhalb von Deutschland binnen 48 Stunden fast überall nachbestellen kann. Auch das ist ein Service, den der Kunde aber scheinbar kaum honoriert, er ist quasi Gewöhnungssache geworden.

Ebenfalls werden sehr oft die CD-Preise mit den damaligen Vinyl-Schallplattenpreisen verglichen, und es wird den Plattenfirmen vorgeworfen, sie verdienten daran generell eine goldene Nase. Dabei wird aber kaum beachtet, dass die CDs seit ihrer Markteinführung 1981 extrem preisstabil geblieben sind, im Gegensatz zu Lebensmittel- Kino- oder Benzinpreisen, um mal die eklatantesten Preissprünge zu nennen. Auch die Preise für Konzerttickets oder Merchandiseartikel sind explodiert. Kritisiert werden aber nur die Preise für ein Produkt, welches seit Jahren fast total stabil geblieben ist, und kritisiert werden vornehmlich die Plattenfirmen, obwohl die Preiserhöhungen die stattgefunden haben, hauptsächlich aus dem Handel kommen.

Ebenfalls gibt es das Argument, dass CDs eigentlich zu teuer seien, eigentlich erst seit Einführung der CD-Brenner, die ja eine nahezu kostenlose Alternative zum legalen Erwerb einer CD darstellen. Auch hier liegt der Verdacht nahe, dass das Argument mit den zu teuren CD-Preisen eigentlich nur vorgeschoben wird, um weiterhin Geld zu sparen.

Die eigentliche Frage sollte doch sein:

Hat eine wirklich gute CD den Preis von 15 (oder auch 20) Euro als Gegenwert denn wirklich verdient? Es denke jetzt bitte jeder mal an seine persönlichen Lieblings - CDs, und wie viel Wert diese CDs für jemanden persönlich haben. Nun hat ja nicht wirklich jede einzelne CD diese Qualität, es gibt eine Menge schlechter Veröffentlichungen auf dem Markt. Und auch ich bin zigmal mit "Blindkäufen" von CDs in die Scheiße getreten, habe aber andererseits dadurch auch einige der schönsten Überraschungen gehabt...

 

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Die Wahrheit Über die Schallplattenbranche, Teil 2

Die Wahrheit Über die Schallplattenbranche, Teil 2
Von Stefan Herwig (Dependent)

Heute: "Es brennt!" oder: "Nie Wieder CDs kaufen"

Ziemlich lange hat es gedauert, bis auf den ersten Teil des Textes diese Fortsetzung fertig gestellt wurde. Aber wer den ersten Text aufmerksam gelesen hat, weiß ja auch, dass wir maximal zwei Stunden am Tag arbeiten und uns ansonsten eher auf den renommierten Golfanlagen Gelsenkirchens rumtreiben oder auf den weitläufigen Alleen des Ruhrgebiets unseren Sportwagen Auslauf verschaffen, sobald einen die Labelgroupies mal endlich aus ihren verführerischen Armen entlassen. Währenddessen schuften unsere Künstler, Galeerensklaven gleich, in feuchten Kellern an hoffnungsvollen neuen Tonträgeralben, die wir mit unserer rein kommerziell orientierten Veröffentlichungsstrategie natürlich völlig sinnentleeren.

Trotzdem ziehen auch an unserem Himmel manchmal dunkle Wolken auf. Erst letzte Woche am Kiosk noch, als mich eine "PC-Welt" mit Aufmachern wie "Nie wieder CDs kaufen!" angrinste: "Wie ich jeden Kopierschutz knacke", haben mir die "CHIPs", "PC Praxis' " & "PC Shoppings" dieser Welt ja schon vor Monaten dankenswerterweise vermittelt, damit ich meine CD-Sammlung komplett 1 zu 1 für die heimische Car Stereo kopiere (für nix anderes natürlich, ist doch klar...). Natürlich tun Sie das ganz selbstlos, um Euch vor Leuten wie uns zu schützen, die Euch mit überhöhten CD Preisen (siehe Teil I), unakzeptablen Kopierschützen und generell schlechter einfallsloser Musik ausnehmen.

Aber "Nie wieder CDs kaufen"? Ist das nicht doch ein bisschen herbe? Nein, der Untertitel informiert uns darüber, dass wir das alles absolut gratis(!) aus dem Netz ziehen können. Die einzigen Kosten dabei: Ein High-End PC mit integriertem CD Brenner vorausgesetzt (der aufgrund des schnellen technischen Fortschritts alle drei Jahre ausgetauscht werden muss). Und auch noch ein DSL-Anschluss für weniger als 40,00 € monatlich. Und eine 1.000er Spindel CD-Rohlinge für 125,99 €. Und ein reines Gewissen. Und letztendlich noch genug Freizeit die 46.000.000 Titeleinträge auf den wichtigeren Tauschbörsen dieser Welt zu durchforsten, um mal eben die Spreu vom Weizen zu trennen...

Wozu braucht man da eigentlich noch Schallplattenfirmen? Ja, wozu eigentlich? Die Musik ist doch eh umsonst, wie alle Hobbymusiker dieser Welt bereits wissen. Und mit einem Eintrag auf audiogalaxy.com erreicht jeder halbwegs talentierte Kellermusiker mit seinem Programm Weltruhm. Ich könnte Euch tausende Musiker nennen, die es auf diese Weise schon geschafft haben, ihren neuen Song bei "Wetten Dass...?" live vorstellen zu können, wenn ich nur welche wüsste. Auch buchen Dutzende talentierte Konzertagenturen gerne weltweit kostenlos Tourneen für diese Künstler. "Bekannt aus Funk & Fernsehen" war gestern. Seit heute touren nur noch Acts "bekannt aus Audiogalaxy und Napster" mit ihrem tierisch professionellen Bühnenprogramm in den Westfalenhallen dieser Welt. Und den Toursupport dazu bezahlt ... die "PC-Welt".

Nein, der Herwig ist jetzt nicht völlig durchgeknallt.

Der Herwig will vielleicht nur sagen, dass manche Plattenfirmen doch manchmal noch etwas zum Erfolg ihrer Künstler und zur Qualität von Musik beitragen. Das fängt bei den meistens obligatorischen Fehlern in der Musik an, die Künstler trotz ihrer guten Kompositionen oftmals zu machen pflegen: Gesang nicht gut genug, Stücke oft zu verspielt, Single nicht clubtauglich, etc. Liveprogramm nicht wirklich kreativ, Setlist falsch. Bühnenbekleidung lächerlich. Albumcover schlecht. Interviews öde. Ich höre Einige schon wieder "Kommerz!" schreien. Aber auch hier muß man natürlich wieder eine Grenze ziehen. Wenn das Ganze in Form von Vorschlägen und Ratschlägen vonstatten geht, kann es für alle Beteiligten nur sinnvoll sein. Es gibt manchmal Plattenfirmen, die schützen ihre Hörer gezielt & bewusst vor einigen Ergüssen ihrer Künstler, und oft sollten ihnen Fans dafür dankbar sein - und die Künstler so manches Mal auch. Soviel zur beratenden Funktion, die meistens zur Folge hat, dass die Musik eigentlich besser wird.

Es gibt auch Plattenfirmen, die verschicken hunderte Promo-CDs umsonst an alle Electro-DJs in der Stadt, und wenn ihr euch mal wieder wundert, wo eure Haus- und Hofdisco immer wieder zwei Wochen vor der eigentlichen Vö eine "Promo" der neuen Newcomerband her hat, dann steht da meistens eine so genannte "Bemusterung" dahinter, die pro Platte mal eben einen Kurzurlaub kostet. Manche DJs bedanken sich für diese kostenlose Bemusterung, indem sie die Platten umgehend vor Veröffentlichung der Allgemeinheit über p2p-Server zur Verfügung stellen, weswegen auch immer weniger Plattenfirmen Alben vor der Veröffentlichung überhaupt noch bemustern...

Auch eine Anzeige in Orkus und Zillo oder auch Sonic Seducer, nach denen Ihr Euch immer raussucht, welche Namen ihr als nächstes in die Audiogalaxy-Suchfunktion eingebt, kostet Geld. Das mag für unsere kommerziell nicht vorbelasteten Zeitgenossen jetzt vielleicht ein Schock sein, dass auch solche "Indie"-Magazine Geld zum Leben haben wollen, ist aber andererseits eine unumstößliche Wahrheit. Und diese Anzeigenkohle bezahlt auch nicht die "PC Welt".

Ansonsten arbeiten wir mit Masteringstudios zusammen, die klanglich auch noch so hoffnungslose Aufnahmen in der Regel auf eine CD-würdige Klangqualität hieven können, aber seitdem wir alle mit MP3s zufrieden sind ist Klangqualität ja eh' nebensächlich, dann kann das auch wegfallen.

Wenn in den Juli/August Ausgaben von Sonic, Orkus und Zillo bereits fette Interviews zu unserer neuen Newcomerband Dismantled stehen, dann nicht zuletzt, weil wir bereits im Mai Vorab-CDs an die wichtigsten Chefredakteure und Schreiberlinge geschickt haben. Das machen wir übrigens nicht nur in Deutschland, sondern auch in Frankreich, Schweden, England und so weiter. Und das ist erst der Anfang. Fast hinter jedem Interview, hinter jedem Konzertplakat, hinter jedem Konzert, hinter jedem Videoclip steckt irgendeine Schallplattenfirma, oft mit Toursupport, Promotion oder Beratung.

Was passiert jetzt also wirklich, wenn wir "Nie wieder CDs kaufen", wie uns diese bekannte deutsche Computerzeitschrift völlig uneigennützig empfiehlt, und wenn sich der Trend der letzten drei Jahre weltweit fortsetzt? Zuerst einmal bauen bereits jetzt alle Plattenläden in Deutschland ihre Verkaufsfläche an "Backkatalog" ab; das sind alle CDs, die nicht in die Kategorie "Neuheiten" fallen. Ihr wollt eine Suicide Commando "Construct/Destruct" im Saturn kaufen? Fehlanzeige! Skinny Puppy "Cleanse Fold & Manipulate"? Traumtänzer! :Wumpscut: "Bunkertor 7"? Macht Euch nicht lächerlich! Na ja, ist ja alles gar nicht so schlimm, kann man sich ja bei Infrarot oder Martz bestellen, aber ganz sicher sogar umsonst bei Audiogalaxy ziehen. DSL muss sich schließlich lohnen, ist ja nicht billig...

Aber danach? Wenn es keine Labels mehr gibt, die Newcomerbands überhaupt veröffentlichen, keinen Toursupport, keine Clubbemusterung, keine Magazine, keine Anzeigen, keine Videoclips, keine Interviews, sondern nur noch halbgare Musikerdemos auf Audiogalaxy, deren Titelstamm bis 2008 auf 2,8 Milliarden Einträge angewachsen sein wird?

Dann macht Musikhören nicht mehr wirklich Spaß: Wenn auf dem M'era Luna 2009 immer noch die Helden von 1998 rumhüpfen, leicht gealtert allerdings. Headliner: L'ame Immortelle, Apoptygma Berzerk und Front Line Assembly garantiert mit dem "wahren Bill Leeb", dazu Sisters Of Mercy, die jetzt endlich Stücke ihres neuen 2013 erscheinenden nächsten Studioalbums präsentieren.

Wollen wir das wirklich? Kann es uns wirklich egal sein, wenn alle Plattenfirmen morgen den Arsch zukneifen? Es brennt. Ihr brennt. Alle sparen. Ist es das wert, dafür diese Musik in den nächsten Jahren zu opfern?

Last but not least: Ich höre gerade übrigens ein Top-Album, von einer supercoolen Band namens... Kennt ihr nicht, ist aber megadüsterer, minimaler und cooler Trance/Industrial/Electro. Sehr frisch und originell. Solltet ihr unbedingt auschecken. Gibt's auch auf Audiogalaxy. Hat auch noch keine Plattenfirma. Beginnt mit "I". Viel Spaß beim Suchen...

Stefan

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Die Wahrheit Über die Schallplattenbranche, Teil 3

Die Wahrheit Über die Schallplattenbranche, Teil 3
Von Stefan Herwig (Dependent)

"Are We Evil? Yes, We Are!"

Dieser Spruch kam eigentlich von einem T-Shirt, welches wir vor Jahren mal für das ehemalige EBM-Label Offbeat gedruckt hatten. Der Hintergrund war jedoch, dass uns viele Leute innerhalb der Schallplattenbranche als "böse" oder zumindest aggressiv betrachteten, weil OffBeat sich in sehr kurzer Zeit eine stattliche Anzahl recht gefragter Bands unter den Nagel gerissen hatte (nicht unähnlich zu Metropolis Records in den Vereinigten Staaten), und dies wurde einigen Bands und Labelmitbewerbern mit der Zeit ziemlich unheimlich. Bei den Kids draußen war OffBeat aber immer ein ziemlich cooles Label, welches in kurzer Zeit eine Menge hoffnungsvoller Bands und starke Alben herausbrachte (haujobb, Project Pitchfork, Mentallo & The Fixer, Individual Totem und viele mehr).

Heute hat sich diese Beobachtung umgedreht, heute meinen zwar unsere Kollegen, dass wir eine gute Arbeit machen, weil wir ihnen bei Dependent kaum Bands wegnehmen, aber bei unseren Hörern sind wir mit dem Rest der Musikindustrie gleichgestellt. Manchmal habe ich als Mitglied der Musikindustrie schon fast das Gefühl eine Art Ausssätziger bei den Hörern zu sein, eine Mischung zwischen ferrarifahrendem Geldmogul, künstlerausbeutendem Blutsauger mit "Big Brother"-artigen Weltbeherrschungsabsichten, so eine Mischung zwischen Dieter Bohlen und dem Sicherheitsstab von George W. Bush gewürzt mit einem kleinen bisschen musikalischer Trendyness, aber trotz allem mit geistiger Umnachtung geschlagen.

Dieser Eindruck manifestiert sich zumindest immer dann, wenn ich Berichte über meine Branche lese, vorzugsweise auf Heise.de (dem Forum für unterbeschäftigte, beziehungsgestörte, überdurchschnittlich intelligente aber trotzdem arbeitslose Computeradministratoren), aber in letzter Zeit auch in den Essays der taz, der "Süddeutschen Zeitung" oder auf Spiegel Online. Das Bild, das sich dort von "meiner Industrie" zusammengefügt hat stimmt schon nachdenklich. Schließlich waren wir alle irgendwann mal in diese Industrie gekommen um reihenweise Frauen flachzulegen, Freunde mit unseren Sportwagen und Beziehungen zu angesagten Künstlern zu beeindrucken, und nebenbei massig Kohle zu machen (bei einigen soll sogar eine Affinität zur Musik vorhanden gewesen sein). Und jetzt das: Die taz bezeichnet diesen Teil der Entertainmentindustrie als kollektiv "dement", weil die Musikindustrie nicht in der Lage schient, den vorherrschenden Umsatzrückgang von CDs aufzuhalten. (Test beim Arbeitsamt: "Herr Müller, ihr soeben gemachter Intelligenztest bescheinigt ihnen einen IQ von nur 91. Damit wird es leider mit ihrem Berufswunsch als Einzelhändler nichts mehr, wir können sie maximal als Senior A&R bei Roadrunner vermitteln. Seien sie froh, dass sie nicht so schlecht abgeschnitten haben wie Herr Laufer, der hatte nur einen IQ von 84 und muss jetzt in den Vorstand von Universal Music".)

Trotz Demenz haben wir also kollektive Weltbeherrschungsabsichten, und genau deswegen wollen wir jetzt auch noch das Recht zur Privatkopie abschaffen, und dem Konsumenten ein weltumspannendes Digital Rights Management aufzwingen. Die Bundesregierung haben wir natürlich schon längst in der Tasche: die deutsche Justizministerin Brigitte Zypries ruft bei uns alle zwei Wochen an, um sich den Entwurf für die nächste Urheberrechtsnovelle absegnen zu lassen. Die lassen wir aber in schöner Regelmäßigkeit mit dem lapidaren Urteil "immer noch zu lasch" abblitzen. Denn wir haben zwar kein Geld für Newcomerbands oder teure Videoclips, aber so ein Politikergehalt bekommen wir immer noch schnell aufgepäppelt, um die Urheberrecht so aussehen zu lassen, wie wir es für richtig halten. Und der 11.September war auch eigentlich nur ein versteckter Anschlag auf den im "South Tower" des World Trade Centers installierten Server von Napster.com. Warum dann gleich beide Türme attackiert wurden? Natürlich weil am Steuer der ersten Maschine ein geistig unterbelichteter Promotion-Mitarbeiter von "Warner Music Afghanistan" saß, und mit einem IQ von 73 läst sich schlecht Kompass lesen UND ein Flugzeug in dem 83. Stock fliegen. Außerdem ist in der Musikindustrie bekanntlich eine Flopquote von 50% ja schon sehr Erfolg versprechend.

OK, wieder zurück zur Realität: Die Musikindustrie ist wegen ihrer Versuche, die Schwemme privater Raubkopien aufzuhalten bei jedermann unten durch - und wir mit ihr. Warum ich das hier alles erwähne?

Nun, abgesehen davon, dass man als Mitarbeiter in einem Independent-Label noch NIE richtig fett Kohle verdient hat gibt es noch ein, zwei Sachen, die uns von George Bushs Sicherheitsrat und noch mehr von Dieter Bohlen unterscheiden:

  • Erstens glauben wir nicht an die Existenz von Massenvernichtungswaffen im Irak, abgesehen von dem Zeug, das die Amis selbst mitgebracht haben.
  • Zweitens habe ich, ein Angehöriger der verblödeten Branche diesen Text ohne Ghostwriter auf den Weg gebracht, und insofern möchte ich doch das Label "dement "zumindest in Hinsicht auf meine schreiberischen Fähigkeiten revidiert wissen.
  • Drittens haben wir nichts gegen Privatkopien unserer Musik.

(Pause)

Moment mal! Haben wir gerade gesagt, wir hätten NICHTS gegen Privatkopien unserer Musik? Und das, obwohl wir in der Musikindustrie arbeiten (ergo: böse, dement, geldgeil, etc. sind). Was ist denn jetzt los?

Nun, immer der Reihe nach. Zuerst mal ist uns aufgegangen, dass viele Leute aufgrund unserer Texte gegen Raubkopien der Meinung sind, unsere Meinung sei 100% deckungsgleich mit der der großen Musikindustrieverbände RIAA und IFPI (International Federation of the Phonographic Industry). Und nur, weil wir im Jahr 2000 die Maxi "Genesis.1" der Gruppe VNV Nation versuchsweise mit Kopierschutz ausgestattet hatten, vermuten auch heute noch viele Hörer , auf unseren Produkten befinde sich Kopierschutz (was wiederum in einigen Kreisen als Pauschallegitimation gilt, diese CDs erst recht zu brennen).

Aber allen Leuten die erst denken und dann reden, sollte mittlerweile aufgefallen sein, dass auf unseren CDs nach diesem einmaligen Versuch kein Kopierschutz mehr zu finden ist. Und das, obwohl schon seit Jahren die Möglichkeit besteht, CDs mit Kopierschutzmechanismen besteht auszustatten. Mit dem Verzicht auf diesen Schutz stehen wir nichtallein, sondern fast alle anderen Indie-Label, und sogar einige Major-Divisionen haben sich dazu entschlossen. Obwohl wir hohe Rückgänge durch CD-Kopiererei zu verzeichnen haben, und obwohl viele kleine und große Label akut in ihrer Existenz bedroht sind (kein Scherz!), verzichtet ein nicht unwesentlicher Teil der Branche auf diese Schutzmassnahme.

In unserem Fall waren wir einfach durch die Beschränkungen des Kopierschutzes auf der VNV Nation-CD enttäuscht. Der versprochene Mp3-Player, der im Kopierschutz integriert war, funktionierte nicht auf Windows NT, und auf Macs schon mal gar nicht. Das Presswerk unterrichtete uns nicht davon, dass kopiergeschützte CDs gekennzeichnet sein müssten, und dafür, dass die Anwendung 20 Cent pro CD kostete, war das Ding echt zu leicht zu knacken. Außerdem schütze ich meine Musik nicht vor der Raubkopie, nur, weil ich einen Kopierschutz draufpacke: Einmal im Netz, schon weltweit verfügbar.

Und last, but not least kann man den Computer als Medium zur professionellen Musikspeicherung nicht länger ignorieren. Der Zug ist nun mal abgefahren. Das ändert aber nichts daran, dass professionelle Stereoanlagen auch weiterhin einfacher zu bedienen sind, mehr her machen und vor allem WESENTLICH besser klingen als ein 128 oder 196 kbit kodiertes MP3 File.

Bevor ihr jetzt aber anfangt, unseren CD-Katalog gleich mehrfach auf Ebay zu verhökern, sei dieser Punkt aber noch schnell relativiert: Die Ifpi und die Majors haben im Kern leider Recht. Das übermäßige Kopieren, Brennen und Saugen schadet der Musik, den Künstlern und uns, den Labeln, die wir diese ganze Sache vermarkten, finanzieren und verwerten. Und hier hat die Ifpi also durchaus Recht mit ihrer Strategie, Uploader zu verklagen, Urheberrechte zu verschärfen und den Missbrauch von Musik zu verfolgen.

Wir verstehen also den Standpunkt der Musikkonsumenten, die uns immer noch für grundböse halten., Wir verstehen aber auch den Standpunkt der Majors und der Musikinteressenverbände. Wie kann also ein möglicher Kompromiss aussehen? Ein Kompromiss zwischen der Erhaltung von Musik als wertvollem Gut, und für das ihr auch in Zukunft eure sauer verdiente Kohle hinlegen werden müsst - und zwischen den Interessen der Konsumenten, die auch weiterhin Musik so kopieren und antesten wollen, wie es IHNEN passt, und nicht wie es irgendwelche geänderten Urheberrechte vorsehen?

Der drohenden Verschärfung des Urheberrechts und dem zunehmenden Einsatz von Kopierschutzmassnahmen kann jeder einzelne "Käufer" nur mit einem Prinzip entgegenwirken: Dem Prinzip des "fairen Gebrauchs" ("Fair Use Policy") von Musik. Denn es ist nach meiner Meinung, und nach der Meinung ALLER unserer Künstler nicht verwerflich, unsere Musik ausschnittsweise zu kopieren, sei es nun für das private Autoradio, für den Minidiscplayer oder meinetwegen auch für die Musikfilesammlung auf der Festplatte (sagte ich schon, dass Musik auf dem Computer beschissen klingt?). Aber gerade bei der Weitergabe unserer Musik muss man gewisse Regeln beachten, wenn man nicht wirklich ein "Tool" in der Argumentationskette der bösen Musikindustrie werden will:

Wir müssen vom Verkauf von Musik leben, genauso unsere Künstler. Wenn du unsere Musik anderen Freunden oder Bekannten empfehlen willst, dann gib' sie weiter - aber bitte nicht ganze Alben, sondern ein oder zwei gute Stücke auf einem Mixtape (oder Mix-CD, Mix-Minidisc oder was auch immer du so für deine Musik benutzt). Und wenn du von einem Freund ein Mixtape bekommst, und dir gefällt das aktuelle Material von Dismantled oder Seabound, dann kauf' es einfach, anstatt dich zu freuen, dass du es schon auf einer besch. aussehenden CD-R hast.Wenn du Material aus dem Netz runterlädst, dann beschränke dich bitte auf einige wenige Tracks zum Auschecken, und gib dem Material wenigstens drei bis vier Versuche. Wenn es Dir nicht gefällt, lösch' es wieder, anstatt Gigabytewiese Material auf deiner Festplatte zu horten, das du eh NIE WIEDER anhören wirst.

Wenn du feststellst, dass einer Deiner Freunde sich deine CDs nur deswegen ausleiht, um davon Kopien zu machen, ohne die Absicht, sie jemals zu kaufen, dann zeig' ihm den Mittelfinger. Und wenn dir dein Freund dann erzählt, dass er keine Kohle hat, sich CDs zu kaufen und sie sich leider deswegen aus dem Netz saugen muss, dann frag' ihn wieso er die Kohle für die Breitbandverbindung hat (Sagte ich nebenbei schon, dass MP3s scheiße klingen?). Und wenn dir dein Freund die neue gebrannte CD von VNV Nation als ganzes Album als "Gastgeschenk" mitbringt, dann hau die gebrannte CD am besten vor seinen Augen in die Tonne (in diesem Falle nicht, weil es VNV Nation ist, sondern weil die Weitergabe ganzer Alben einfach "asi" ist).

Wenn Dein DJ seine ganze CD-Sammlung nur aus CD-Rs zusammengesaugt hat, dann darfst du ihn von mir aus Geizkragen oder Arschloch nennen, oder was immer dir einfällt, um ihn auf die Palme zu bringen, und ihn vor seinen Freunden zu diskreditieren. Leider gibt es keine deutsche Übersetzung für das englische Wort "cheap ass", aber euch fällt bestimmt eine ein.

Ich weiß, dass tierisch viele Leute ihre Tauschbörsen dazu nutzen, um sich nur über Musik zu informieren, die sie später eh' kaufen wollen, aber leider gibt es mindestens ebenso viele Asis, die sich dort Musik saugen, weil sie zu geizig sind, und weil sie Musik nur als Soundtrack für ihre jämmerliche Existenz vor dem Computer sehen, und nicht als eine der wenigen Sachen, die dieses verdammte Leben mit Emotionen und Visionen würzt.

Diese Leute sind die Brennerasis wegen denen die IFPI Filesharer verklagt. Wegen diesen Leuten droppen die Majors Bands, entlassen Personal und benutzen Kopierschutz. Und wenn es so weitergeht, sind diese Raubkopierer der Grund, weswegen du Leuten in ein paar Jahren vielleicht keine Mixtapes mehr aufnehmen darfst, und weswegen du Musik an deinem Computer nur noch hören darfst, wenn du die entsprechende Lizenzerlaubnis hast. Du wirst für ihren Geiz und ihre Arroganz bluten müssen. Aber ich höre niemanden, der sich über diese Leute beschwert, die die IFPI zu Recht verklagt und wegen denen sie - zurecht - halbgare Kopierschutztechnik verwendet.

Ich weiß, dieser Ansatz ist idealistisch, blauäugig, hoffnungslos irrational und absolut unkontrollierbar. Passt also eigentlich supergut zum Produkt mit dem wir unseren Lebensunterhalt verdienen: der Musik

Über eure Meinung zu diesem Artikel in unserem Forum würde ich mich sehr freuen.

Stefan Herwig

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